Als Tagesmutter in der Emmi Pikler-Ausbildung

emmi pikler

Vor eineinhalb Jahren habe ich mit der Ausbildung zur Emmi Pikler-Pädagogin bei der Pikler-Hengstenberg-Gesellschaft in Wien begonnen. In dieser Zeit hat sich viel bei meiner Arbeitsweise und auch an meiner inneren Haltung getan. Und ebenfalls hat sich mein Verständnis gegenüber den kindlichen Entwicklungsbedürfnissen weiterentwickelt.

Über Emmi Pikler

Emmi Pikler, geboren 1902 in Wien, war eine österreichisch-ungarische Kinderärztin, die in Budapest zehn Jahre lang Familien mit kleinen Kindern betreute. 1946 gründete sie das Säuglingsheim Loczy, welches sie mehr als 30 Jahre lang leitete.

Ihre Erkenntnisse durch intensive Forschungstätigkeit und  Beobachtungen in der natürlichen Umgebung der Kinder veränderten grundlegend die herkömmliche Sichtweise  in der Kleinkindpädagogik.

Die Emmi Pikler-Pädagogik zeigt Wege auf, wie ich Kinder dabei unterstützen kann, Eigeninitiative, Umsicht, Ausdauer und Vertrauen in sich selbst und in ihre Umwelt entwickeln zu können. Das gelingt durch eine vorbereitete Umgebung, Möglichkeiten zu freiem Spiel, beziehungsvolle Pflege, wertschätzende Kommunikation und einfühlsame Beobachtung und Begleitung ohne direktes Eingreifen. Die Kinder können sich als selbstständig und kompetent erleben und ihr Potential frei entfalten.

Wir haben uns in der Ausbildung bei Daniela Pichler-Bogner viele Videos aus dem Loczy angesehen. Es ist berührend zu sehen, wie entspannt, konzentriert und motiviert die Kinder spielten. Die Kinder genossen die Pflegesituationen wie Wickeln, Essen oder Anziehen. So zogen sie viel Freude aus dem Zusammensein mit der Betreuerin und konnten sich dann wieder sozusagen „gesättigt“ ihren Spielerfahrungen widmen.

Die beziehungsvolle Pflege

Meine neue Haltung und Vorgangsweise in der Pflege nimmt nun einen Großteil meiner individuellen Zeit mit jedem Kind ein. Somit entwickelt sich zu den neu ankommenden Tageskindern sehr bald eine vertrauensvolle Beziehung und ist auch für mich sehr hilfreich, die Kinder in kurzer Zeit gut kennen zu lernen. Die Kinder, die schon länger bei mir sind, plaudern über Dinge, die sie beschäftigen.  Außerdem freuen sie sich über die Fortschritte, die sie beim selbstständigen An- und Ausziehen erworben haben. Jedes einzelne Kind genießt die Zeit meiner vollkommenen Aufmerksamkeit.

Wichtig ist es, meine Aktivitäten mit Worten zu begleiten, die Kinder auf den nächsten Schritt vorzubereiten, sie mitarbeiten zu lassen und auf ihre Interessen einzugehen. Beim Wickeln kündige ich dem Kind vorher an, dass es nun bald gewickelt wird. So kann es sich schon darauf einstellen. Ich halte immer dieselbe Reihenfolge ein, um den Kindern Orientierung zu geben.

Ich bereite das Kind sprachlich darauf vor, dass ich nun die Hose öffnen werde, dann den Body usw. Gleichzeitig achte ich darauf, worauf das Kind gerade seine Aufmerksamkeit richtet. Schaut es zur Lampe, sage ich: „Du siehst die Lampe an der Decke, sie ist eingeschaltet, weil es sonst im Badezimmer zu dunkel ist.“

Kann das Kind beispielsweise die Hose mit der Zeit schon selber runterziehen und die Windel selber öffnen, kommentiere ich diese Fortschritte: „Ah, jetzt hast du es geschafft, deine Hose runterzuziehen, das hast du schon ganz oft probiert.“ Ich freue mich mit den Kindern, wenn sie in ihrer Unabhängigkeit wieder einen Schritt vorangehen und teile ihnen meine Beobachtung und Freude auch mit, ohne übermäßig zu loben.

Das „Schelmische Spiel“

Ein kleines Mädchen von 16 Monaten nimmt mir zurzeit immer die frische Windel aus der Hand und wirft sie auf den Boden. Nach dem dritten Mal sage ich freundlich, aber bestimmt, dass ich nun weiterwickeln werde. Ich weiß, dass dieses Spielen ganz wichtig für unsere Beziehung ist. Das Mädchen hat schon so viel Vertrauen, dass es meine Reaktionen testet und schaut, was passiert.

Alle meine Tageskinder probieren das aus, ob beim Wickeln oder beim Anziehen. Sie reichen mir zum Beispiel den „verkehrten“ Arm, wenn ich ihnen die Jacke anziehe. In der Pikler-Pädagogik nennt man dieses Verhalten das „Schelmische Spiel“. Ich lasse mich immer gern auf diese Spiele ein, weil sie mir zeigen, dass sie sich sehr sicher bei mir fühlen. Trotzdem verliere ich nie den „roten Faden“, also das Ziel des Wickelns oder Anziehens aus den Augen und führe das Kind zu unserem eigentlichen Tun zurück.

Die freie Bewegungsentwicklung

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Pikler-Pädagogik ist die freie Bewegungsentwicklung. Schon durch ihre Erfahrungen als Familienärztin hat Emmi Pikler erkannt, dass ein Kind, das sich frei bewegen kann, umsichtiger ist. Es lernt leichter, zum Beispiel gut zu fallen, als ein in seinen Bewegungen eingeschränktes und überbehütetes Kind, das seine eigenen Fähigkeiten und Grenzen nicht kennt.

Sowohl im Spiel als auch in ihren Bewegungserfahrungen profitieren Kinder davon, wenn wir Erwachsene ihren Absichten nicht vor- oder dazwischen greifen, sie nicht „fördern“, dirigieren, ihnen voreilig helfen oder sie manipulieren. Durch selbstständiges Tun, Ruhe und Zeit können Kinder ihre eigenen Grenzen ausloten und ihre Kreativität ausleben.

Ein großer Gewinn für meine Arbeit

Vieles habe ich in meiner Arbeit verändert. Oft dachte ich, das kann nicht funktionieren. Aber das Wissen und die Erkenntnisse aus der Pikler-Arbeit erleichterten mir vieles. Neue und spannende Herausforderungen haben sich ergeben, und vor allem hat sich ein neuer, schöner Weg in meiner Arbeit mit Kindern aufgetan.

Für mich bedeutet die Pikler-Pädagogik, das Kind in seiner Persönlichkeit zu erkennen, es in seiner Bewegungsentwicklung und Selbstständigkeit nicht einzuschränken. Das Kind soll sich in der vorbereiteten Umgebung weiterentwickeln und Selbstvertrauen aufbauen können.

Sandra Z., Tagesmutter aus Fürstenfeld