Vom Ich zum Wir im freien Spiel

vom ich zum wir

Im Herbst verabschiedete ich vier Kinder meiner Gruppe „Windpferdchen“ in den Kindergarten. Emotional war das für mich sehr herausfordernd, zumal ich mit diesen Kindern die ersten Erfahrungen als Tagesmutter machen durfte. Die drei Windpferdchen, die bei mir geblieben sind, reden noch oft von ihren Freunden und ihrer Freundin. Das, was sich in der Entwicklung der Kinder am offensichtlichsten verändert hat, ist das Spielverhalten, vom alleine oder nebeneinander zum miteinander – und damit vom Ich zu Wir.

Kindliche Entwicklung

Vor dem dritten Lebensjahr entdeckt sich das Kind selbst, möchte alles allein machen und geht davon aus, im Mittelpunkt der Welt zu stehen. Dieser Egozentrismus ist gesunder Teil kindlicher Entwicklung und kein Egoismus. Kleine Kinder sind noch nicht in der Lage, sich in die Rolle des anderen hineinzuversetzen und die eigene Sichtweise als Möglichkeit von vielen zu begreifen. Dieser Übergang ins Entdecken des Gegenübers und des Spiels miteinander findet jetzt bei uns statt.

Eine Spielsituation bei uns

Unter dem Pikler-Dreieck und darüber hinaus bauen die Buben ein Tiergehege auf. Sie holen Hocker und Decken, eine Leiter und vieles mehr herbei. Sie kommunizieren ständig miteinander, eines ergibt das andere, manchmal spielt für kurze Zeit ein Kind für sich. Dann wird es von einem anderen Kind erinnert, dass sie doch Zoo spielen wollten und Tiger seien. Irgendwann kommt ein Kind auf die Idee, der Tierpfleger zu sein und es richtet sich in der Spielküche ein, um den Tieren das Fressen vorzubereiten.

Das ganze Rollenspiel ist geprägt von Dialogen und Monologen. Dabei konnte ich nicht nur sehen, sondern auch hören, dass die Kinder gerade im Übergang vom Ich zum Wir sind. Denn es war ihnen wichtig, gemeinsam zu spielen und doch durfte jeder seine Rolle haben. Die Sätze beginnen noch oft mit „Ich“, werden aber manchmal von einem „Sagen wir …“ oder „Passt das?“, abgelöst. Es ist natürlich wichtig, was „ich“ sage und machen will, ich möchte aber auch, dass es die anderen wissen und damit einverstanden sind. So geschieht ein Eingebunden sein in etwas Größeres, in eine Gemeinschaft. Das Gefühl von Verbundenheit entsteht. Es gibt nicht nur mich, es gibt auch uns.

Wer bin ich und wer bist du?

Im freien Spiel findet Lernen und Entfalten unseres gesamten Potentials in der Auseinandersetzung mit unserer Umgebung statt. Es passiert einerseits die Entwicklung der Persönlichkeit, das heißt, es ist wichtig zu wissen, wer bin ich und was will ich. Und gleichzeitig eine soziale Entwicklung, wer bist du, was macht dich aus. Beides ist ein lebenslanger Prozess und nur mit unserem Gegenüber, mit unserer Umwelt möglich.

Das Spiel mit anderen Kindern ist notwendig, um den Umgang mit der Umwelt zu erproben. Denn nicht jede Handlung im Spiel wird einfach so hingenommen. Das Kind stößt auf Verbote, Regelungen und Proteste. So müssen sich die Kinder oft mit den anderen auseinandersetzen und werden immer vertrauter mit sozialen Verhaltensweisen. Das Spiel ist ein von der Natur gegebenes Instrument um zu lernen. Die Kinder wissen das und nutzen es, so oft es geht und so lange wie wir Erwachsenen es zulassen.

Das Spiel ist Arbeit

Ich bin in der glücklichen Lage, als Tagesmutter, die Kinder in diesen Spielprozessen begleiten zu dürfen und einen Rahmen für ihr Spiel zu schaffen. Darüber hinaus möchte ich aber auch bei den Erwachsenen ein Bewusstsein für das freie Spiel schaffen. Und zwar in dem Sinn, dass das Kind eben nicht „nur spielt“, sondern das Spiel für das Kind die „große Arbeit“ darstellt, wie Maria Montessori betont.

Lernerfahrungen von Kindern

Meine Tageskinder, die sich ja schon im Kindergartenalter befinden, machen viele Lernerfahrungen im Hinblick auf das soziale Lernen. Bei den Windpferdchen gibt es oft schwierige Entscheidungen zu treffen, wie: Was möchte ich heute spielen? Mit wem und mit wem nicht? Was könnten wir gemeinsam spielen? Wie fühlt es sich an, nicht mitspielen zu dürfen? Was sage oder tue ich, um mitspielen zu dürfen? Beobachte ich noch oder sollte ich es selbst ausprobieren? Wie hole ich mir die Hilfe meiner Tagesmutter?

Diese Liste könnte ich noch lange weiterführen. Und natürlich um Lernerfahrungen aus anderen Bereichen wie zum Beispiel der Motorik oder des Kognitiven ergänzen. Bei der Tagesmutter können sich Kinder in der kleinen Gruppe diesen Herausforderungen stellen.

Sabine J., Tagesmutter aus Berndorf