Ein Mädchen mit Autismus-Spektrum-Störung

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Mia. Ein vierjähriges Mädchen mit einer Autismus-Spektrum-Störung und Epilepsie. MIKADO-Tagesmutter Inge sollte Mia nur ein paar Monate lang betreuen.  Aber Mia fühlt sich bei Inge so wohl und macht so großartige Fortschritte, dass sie bis zum Herbst bei ihr bleibt. Und dann wechselt Mia in den Kindergarten.

„Mia krampft nur in der Nacht“, sagt ihre Mama, als sie sich am Telefon vorstellt. Ansonsten hat sie einige Tics, zum Beispiel ständig Händewaschen oder das Frühstücksbrot mit Butter und Marmelade muss in kleine Stücke geschnitten werden. Diese isst sie dann mit einer Gabel. Mia reagiert aggressiv, wenn etwas nicht so läuft, wie sie möchte. Sie braucht ständig ihren Schnuller an der Kette bei sich. In einem Rucksack hat sie eine Jausen-Box mit vielen weiteren Schnullern. Falls der eine kaputt wird. In einer riesigen Einkaufstasche nimmt Mia mindestens drei Stofftiere und passendes Gewand für jede Witterung mit. Man könnte meinen, sie zieht von zuhause aus. Nichts darf vergessen werden, sonst schreit Mia so lange, bis sie es wieder bei sich hat. Sie braucht Struktur und einen geregelten Tagesablauf.

Erstes Kennenlernen

„Mia wird nicht lange bleiben können“, meinen die Eltern, als sie zum Kennenlernen herkommen. „Wenn sie zwei bis drei Stunden schafft, ist es schon gut.“ Es ist ein sonniger Tag, wir bleiben gleich im Garten, um uns zu unterhalten. Währenddessen klettert, rutscht und schaukelt Mia.

Eine Nacht habe ich darüber geschlafen und mir gut überlegt, ob ich ein weiteres Kind mit einer Autismus-Spektrum-Störung betreuen soll. Letztendlich habe ich mich dazu entschlossen, diese Vertretung für eine Kollegin zu übernehmen. Es ist ja nur bis zum Ende des Jahres.

Ein paar Mal kommt die Mama mit herein, um zu beobachten, wie Mia auf die Kinder, die Haustiere, auf mich und die Umgebung reagiert. Sie gibt mir ein paar Tipps und erzählt von der Frühförderung, der Ergotherapie, Logopädie und Psychotherapie. „Manchmal hält sie nur ein paar Minuten durch. Dann versteckt sich Mia unter einem Tisch oder schreit“, erzählt sie.

Mias Fortschritte

Mia spielt mit meiner Tochter Elena. Als wäre Elena eine Puppe. Mia bringt ihr den Schnuller, wenn sie quengelig ist und den Wasserbecher, wenn sie meint, Elena sei durstig. Mia bringt ihr Spielsachen und beschäftigt sich sehr lieb mit ihr. Die anderen Kinder sind ihr in dem Moment egal.

Am nächsten Tag kommt Mia ohne Mama herein. Sie verabschiedet sich im Vorhaus mit den Worten: „Ich schmeiß dich jetzt raus!“ Die Mama geht und wir beginnen den Betreuungsalltag. Freies Spiel bis alle Kinder da sind, dann gibt eine Jause. Nach der Jause wird Mia abgeholt. Das war ein guter Tag.

Davon gibt es nun viele! Jeden Tag bleibt Mia ein bisschen länger. Mia fühlt sich sichtlich wohl und freut sich, immer wieder zu uns zu kommen. Nach nur sechs Wochen bleibt sie schon fünf Stunden. Bald darauf kommt Mia drei Tage in der Woche für fünf Stunden zu mir. Damit hat niemand gerechnet. „Kurzfristig war ich mit der vielen Freizeit überfordert!“, meint Mias Mama. „Ich hätte mir nie gedacht, dass sie so schnell, so lange bei der Tagesmutter bleibt. Ich freu mich so!“

Mias Eltern wünschen sich, dass sie bis zum Kindergarteneintritt bei mir bleiben darf. Es läuft eben gut. Sie fühlt sich wohl und hat für sich selbst eine Möglichkeit gefunden, sich zu beruhigen, wenn es ihr zu viel wird. Dann baut sich Mia einen „Adlerhorst aus den Barhockern in der Küche. Sie stellt drei Hocker zusammen, ganz hoch und beobachtet die Kinder und mich. Nach einiger Zeit spielt sie wieder mit den Kindern mit. Mittlerweile auch mit Mario und Alexander. Nur Emma ignoriert sie, denn sie nimmt immer wieder ohne zu fragen Mias Stofftiere.

Mias Erfolg

Sie entwickelt sich mit jedem Tag weiter. Mia hilft mir beim Kochen, sie ist sehr interessiert und fragt viel. Mia erzählt mir am Montag, was sie am Wochenende erlebt hat. Sie beobachtet die Kinder, spielt mit ihnen und kommentiert den ganzen Tag alle möglichen Geschehnisse. Ich schneide ihr Jausenbrot nicht mehr klein, Mia braucht auch keine Gabel mehr, um es zu essen. Mia deckt den Tisch, hilft den Kindern beim Händewaschen, Schuhe an- und ausziehen und beim Hochklettern auf den Spielturm. Wir gehen spazieren, was vor ein paar Monaten noch undenkbar war, und hüpfen nach einem Regentag in Wasserlacken. Der geliebte Schnuller liegt fast den ganzen Tag auf dem Kasten im Esszimmer oder in der Küche. Mia braucht ihn nur noch sehr selten. Sie wäscht sich die Hände auch nur mehr dann, wenn es notwendig ist. Was soll ich sagen, besser könnte es nicht laufen.

Aus dieser Betreuung habe ich jedenfalls gelernt, dass man sich einfach drüber trauen muss. Auch wenn es manchmal schwierig scheint. Alles im Leben kommt, wie es kommen muss.

Inge W., MIKADO-Tagesmutter aus Kalsdorf

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