Mit Alltagsgegenständen die Feinmotorik fördern

feinmotorik

Beim Betreten eines Spielzeuggeschäftes kann man schnell den Eindruck bekommen, sich in einer Farbexplosion zu befinden. Nahezu alles ist knallbunt, blinkt, macht Musik und ist aus Plastik. Mit der Zeit stellte ich mir die Frage: warum überhaupt Spielzeug kaufen? Wenn ich meine einjährige Tochter beobachte, stelle ich fest, dass sie am liebsten mit Kluppen spielt und ihre Spielsachen nur flüchtig verwendet.

Sie räumt die Wäscheklammern aus dem Körbchen aus und ein, probiert so viele wie möglich in die Hand zu nehmen, wirft sie durchs Zimmer, biegt sie auseinander, legt sie in den Wäschekorb usw.. Die einfachsten Dinge, die in jedem Haushalt zu finden sind, reichen meist komplett aus, damit Kinder ihre Geschicklichkeit üben und ihren Forscherdrang befriedigen können.

Kinder wollen forschen und entdecken

Kinder haben einen nahezu unerschöpflichen Wissens- und Bewegungsdrang. Daher bedarf es, bei einer unauffälligen Entwicklung des Kindes, keiner Eingriffe der Eltern oder anderer Personen. Die Kinder benötigen ihre eigene Zeit zum Entdecken und Entwickeln, Ausprobieren, Üben und Wiederholen.

Es spricht jedoch nichts dagegen, den Kindern eine Umgebung und Spielmaterial zur Verfügung zu stellen, die ihnen beim Training ihrer neu gelernten Fähigkeiten hilft. Maria Montessori liefert hierzu einige Ansätze, die sich in der Praxis gut umsetzen lassen. Ihr Ziel war es, Lerninhalte beGREIFbar zu machen.

Die von Montessori entwickelten Materialien zeichnen sich durch einen hohen ,,Aufforderungscharakter“ aus, der die Kinder fast schon magisch anzieht und somit zum Spielen beziehungsweise Erforschen einlädt.

Sechs Richtlinien sind für das selbstständige Spiel entscheidend:

  • Wiederholungen sind wichtig, um neu gelernte Fähigkeiten immer wieder zu erproben und die Feinmotorik zu verfeinern
  • Beobachtung (von anderen Kindern oder Erwachsenen) ist entscheidend
  • Das Kind soll sich selber aussuchen, wann es was machen will
  • Es ist darauf zu achten, den Kindern genügend Zeit für ihre Tätigkeiten zu geben und sie nicht zu unterbrechen (z.B. durch Aufräumen)
  • Des Weiteren soll der Erwachsene Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes haben, ihm auch einiges zutrauen
  • Kinder sollen die Möglichkeit haben, ihre Tätigkeit zu Ende zu bringen und nicht vorher (z.B. durch den Ruf zum Mittagessen) abgelenkt werden

Kinder beobachten Erwachsene sehr genau. Daher sollen die Erwachsenen als gutes Vorbild vorangehen und eine Bewegung langsam und genau vorzeigen. Dabei sollen sie so wenig wie möglich, aber gleichzeitig so viel wie notwendig sprechen.

Montessori-Tabletts 

Ein Beispiel von Montessori entwickelten Materialien sind Tabletts. Dabei werden diverse Utensilien, die ein Kind für die Ausübung einer Tätigkeit oder Aufgabe braucht, ordentlich auf ein Tablett gelegt und dieses so aufbewahrt, dass es sich das Kind selbstständig holen kann.

Es gibt drei Regeln:

  1.  Die Materialien auf einem Tablett bleiben dort und werden nicht zweckentfremdet
  2.  Jedes Kind arbeitet für sich alleine, zuschauen ist aber erlaubt
  3.  Nach der Tätigkeit muss der Ursprungszustand (vom Kind selbst) wieder hergestellt werden

Wichtig für die Tabletts ist die Rolle des Erwachsenen. Dieser ist Helfer, Begleiter und Beobachter. Er hält sich zurück und unterstützt das Kind nur, wenn dieses von sich aus um Hilfe bittet. Hier lässt sich Maria Montessoris Leitsatz ,,Hilf mir, es selbst zu tun“ besonders gut umsetzen. Ein Vorteil der Tabletts ist, dass sie schnell und kostengünstig herzustellen sind, da es sich meist um Alltagsgegenstände handelt.

Die Zahnstocherbox

Im Praktikum bei einer Tagesmutter gestaltete ich zwei Tabletts, die ich den Kindern angeboten habe. Das erste bestand aus einer kleinen Box, in deren Deckel ich Löcher gebohrt habe, und bunt bemalten Zahnstochern. Ziel war es, die Zahnstocher durch ein farbig umrandetes Loch im Deckel in die Box zu werfen. Neben der Feinmotorik, die durch das Ergreifen der dünnen Zahnstocher und das Treffen der Löcher gefördert ist, lernen die Kinder auch das Zuordnen gleicher Farben.

Anfangs sortierten die Kinder alle die Farben richtig, jedoch nach einigen Zahnstochern steckten sie diese ganz bewusst in die falschen Löcher. Dies merkte ich daran, dass sie mich dabei immer prüfend angeschaut haben und auf eine Reaktion warteten. Oft fragte ich sie, welche Farbe der Zahnstocher in ihrer Hand hat und ob sie der Meinung sind, dass das Loch dazu passt. Daraufhin lächelten sie meist, verneinten und korrigierten ihr Handeln. Ein Mädchen nahm gerne den Deckel von der Schachtel, hielt ihn hoch und steckte dann die Zahnstocher durch, um zu sehen, wie diese auf der anderen Seite hinunter fielen. Das Herunternehmen des Deckels und Ausleeren der Zahnstocher machte allen Kindern Spaß. Einige sortierten die Zahnstocher am Tablett nach Farbe und ignorierten die Box dabei. Selbst beim Wegräumen der Zahnstocher konnte ich verschiedene Verhaltensmuster beobachten. Manche warfen die Zahnstocher so in die Box, ein Bub nur durch die Löcher und das Mädchen legte die Zahnstocher fein säuberlich nebeneinander in die Schachtel.

Warum Alltagsgegenstände?

Warum ist der Einsatz von Alltagsgegenständen als Spielmittel so bedeutsam? Zum einen kommt das Kind dadurch mit Dingen in Berührung, die typisch für seinen Kulturkreis sind. Zum anderen wird durch die Verwendung von Alltagsgegenständen als Spielmittel der Nachahmungstrieb der Kinder gestillt. Sie beobachten uns Erwachsene sehr viel und wollen das Gesehene selbst ausprobieren. Nebenbei wird noch dem Bewegungsdrang nachgegeben und sie lernen ihre Bewegungen zu ,,lenken, koordinieren und verfeinern“.

Beschäftigen sich Kinder mit unterschiedlichen Materialien und Gegenständen, fördert dies die Intelligenz. Durch die Übung mit Alltagsgegenständen, vor allem das Nachahmen von Erwachsenen, werden den Kindern die einzelnen Arbeitsschritte bewusst, und sie verstehen Abläufe und Zusammenhänge besser. Nebenbei lernen die Kinder konzentriert bei einer Sache zu bleiben und die Übung vom Anfang bis zum Ende durchzuführen.

Die Zangenübung

Hierzu kann ich wieder ein Beispiel aus dem Praktikum bei einer Tagesmutter anführen. Das Ziel war, mit einer Zange kleine Wollbälle von einer Schüssel in eine andere zu geben. Dazu bat ich die Kinder einzeln zu mir, erklärte ihnen nur kurz, dass sie mit Hilfe der Zange die Bälle umfüllen sollen und wartete dann ab, was passiert. Interessant war, dass, obwohl die Kinder nahezu gleich alt waren (ca. 3 Jahre), teilweise große Unterschiede in der Feinmotorik zu beobachten waren.

Ein Kind griff zielsicher mit der rechten Hand nach der Zange und fing sofort an, die Wollbälle aufzuheben. Anfangs hielt es die Pinzette ganz hinten, merkte jedoch bald, dass das Erwischen der Bälle so schwieriger ist. Daher versuchte das Kind die Zange weiter vorne zu halten, und hatte mehr Erfolg.

Ein Bub machte seine ersten Versuche mit beiden Händen gleichzeitig, nach und nach stieg er jedoch auf die rechte Hand um. Ein anderer wechselte ständig zwischen der linken und rechten Hand, wobei er zwischendurch auch beide gleichzeitig verwendete. Den ungewöhnlichsten Lösungsversuch lieferte ein anderer Bub. Dieser nahm die Wollbälle zuerst in die linke Hand, um sie dann mit der Zange hochzuheben. Nach einiger Zeit stieg er jedoch um, indem er die Bälle direkt aus der Schüssel nahm. Bei ihm konnte ich beobachten, dass ihm das Angebot sichtlich Spaß machte. Er arbeitete zügig und meinte, er wolle die Übung nachher nochmal machen.

Einbeziehung der Kreativität

Wie oben schon beschrieben, lösten die Kinder die Aufgaben am Montessori Tablett teilweise sehr unterschiedlich. Keine Lösung war (im klassischen Sinne) richtig oder falsch, jedoch sehr individuell und kreativ. Es ist wichtig, den Kindern nicht zu viel vorzugeben, um ihnen noch Möglichkeiten zu lassen, sich selbst zu entfalten.

Zusammenfassend

Zeitweise haben mich die Kinder mit ihren lustigen Ideen überrascht und ich glaube, sie hatten Freude an den „unbekannten“ Beschäftigungen und dem nicht „normalen“ Spielzeug.

Für mich war die Vorbereitung einfach und kostengünstig, da ich versucht habe, mit Dingen zu arbeiten, die ich bereits zuhause hatte oder einfach in der Natur holen konnte.

Ich möchte bei meinen zukünftigen Tätigkeiten mit Kindern meinen Fokus auf das Einbeziehen der Alltagsgegenstände als Spielmaterial setzen.

Daniela Mayrhofer, BSc.

Absolventin der Ausbildung zur Tagesmutter in Graz
Auszug aus ihrer Seminararbeit „Förderung der Feinmotorik mit Alltagsgegenständen“, 2018